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Der diesjährige Blog Action Day ist dem Thema Armut gewidmet. Trotz der Turbulenzen am Finanzmarkt scheint das Thema Armut in Südtirol ein eher eine marginale Rolle zu spielen. Keiner kann sich vorstellen in die Armut abzurutschen. Aber auch in Südtirol kann dies leicht passieren, wir zeigen wieso.

Die Schere

Arme sind bei uns eine Randgruppe, kaum sichtbar im alltäglichen Bild und wenn sie mal ins Licht rücken, dann gibt’s schnell mal einen Notstandsfond. Nach einigen Wochen sind dann die Gemüter beruhigt und man hört nichts mehr davon. Selbst spürt man natürlich dass es enger wird. Die Kosten steigen, die Löhne bleiben verhältnismäßig gleich (oder sinken) und man muss sich immer öfter überlegen, ob man nicht doch zum Discounter geht. Man hört auch immer wieder von der Schere, zwischen Arm und Reich, welche immer weiter auf geht. Da kommen dann schnell Experten, die davon reden, dass diese Schere wieder zugeht, wenn man nur ordentliches Wirtschaftswachstum hat. Die Scheren-Analogie ist aber nicht das beste Bild, denn nach Adam Riese geht diese Rechnung gar nicht auf. Ein kleines Beispiel:

  1. Man nehme zwei Bürger, ein Reicher der 1.000.000 Euro im Jahr verdient und ein Arbeiter der 20.000 Euro im Jahr verdient.
  2. Die Wirtschaft wächst so gut dass alle in einem Jahr 10% mehr verdienen.
  3. Entspricht also, dass der Reiche 1.100.000 Euro verdient hat und der Arbeiter 22.000 Euro. Der Gehaltsunterschied ist von 980.000 Euro auf 1.078.000 Euro gestiegen.
  4. Die Schere hat sich weiter auf getan.

Im Prinzip könnte einem das ja egal sein, Hauptsache man kommt über die Runden. Aber hier kommt das Problem, denn es geht nicht um die Schere, sondern darum dass die Mittelschicht verschwindet. Um das zu symbolisieren können wir das folgende Bild heranziehen.

Aus einer 0 wird eine 8

Verschwinden der Mittelschicht

Die Null steht als Symbol für unsere Gesellschaft/Produkte/Dienstleistungen, welche sich Mitte bis Ende des 20. Jahrhunderts sich so charakterisieren lassen. Es gab eine breite Mittelschicht und viele Produkte mit ausgewogenem Preis/Leistungsverhältnis. Nach oben und nach unten verjüngt sich die “Null”, dies heißt es gibt wenig Arme/Reiche und ganz wenig ganz Arme/Reiche.

In den letzten 20-30 Jahren verschwindet die Mittelschicht. Die “Arbeiter- und Angestelltenklasse” wird gezwungen sich zu entscheiden. Entweder nach oben oder nach unten, denn in der Mitte ist kein Platz mehr. Die Firmen müssen das gleiche tun, denn ihre Produkte müssen entweder High Class oder Billig Ramsch sein - denn die Käufer in der Mitte werden rar.

Das heißt aber auch, nachdem die Bevölkerung aber nicht geschrumpft ist, heißt dies, dass es jetzt mehr Reiche bzw. Arme gibt - sie haben sich ja entscheiden müssen - oft auch unfreiwillig. Die genauen Hintergründe warum es zu dieser Entwicklung kommt sprengen diesen Rahmen, aber eines ist klar - auch hier in Südtirol hat die Entwicklung schon eingesetzt.

Und in Südtirol?

Die Anzeichen sind klar, der Tourismus kann nur in das obere Segment gehen, denn für den Massenmarkt-Billig-Tourismus sind wir zu teuer und haben nicht und wollen auch nicht die Strukturen für solche Massen. Die Handwerker müssen sich spezialisieren und hochqualitative Produkte machen - der Schlafzimmerschrank aus Massivholz ist etwas für die Reichen, der Rest kauft bei Ikea & Co. Die großen Möbeltischlereien in Südtirol können ein Lied davon singen. Das Selbe gilt für den Handel. Es wird darauf hinaus laufen, dass man zwischen teuren Boutiquen und internationalen Ketten wählen kann. Und so weiter und so fort.

Das tückische ist, dass die Entscheidung nicht immer eindeutig ist. Klar, wer mit Mitte fünfzig seinen Arbeitsplatz verliert und seine Wohnung nicht mehr halten kann, weil so schnell kein neuer Job da ist, sieht schnell dass er abrutscht. Da erkennt man dann, dass ständige Weiterbildung vielleicht geholfen hätte, entweder den Job zu behalten oder einen anderen zu finden. Unsere Sicherungssysteme helfen zwar insofern, als dass man nicht komplett auf die Fresse fällt, sich aber aus einer tiefen Krise sich zu erholen ist kein leichte Sache.

Wir stehen also nicht vor einer Wahl, sondern müssen jetzt, wo wir noch die Möglichkeiten haben, uns wappnen. Das muss jeder selbst machen, da kann der Staat/Land nur wenig helfen. Man sollte sich die Frage stellen, wo stehe ich gerade und was muss ich tun um nicht überraschend abzurutschen. Habe ich Reserven (finanziell, beruflich, familiär, gesundheitlich…) oder wie kann ich mir diese beschaffen? Habe ich einen Plan wenn A, B oder C eintrifft? Und da gäbe es noch viele Beispiele…

Als Fazit kann man sagen, dass heutzutage Armut in Südtirol heutzutage noch kein gravierendes Problem ist. Es ist aber auch keine Panikmache dazu aufzurufen, dass sich jeder ein paar Gedanken macht ob er für die Zukunft gerüstet ist.

PS: Durch den Steuerföderalismus erhält z.B. das Land weniger Mittel und es wurde schon angekündigt, dass pro Jahr 1% Personal abgebaut werden soll (das sind immerhin 3.000 Stellen im Jahr). Die Flucht in die öffentliche Verwaltung kann man getrost vergessen.

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    4 Kommentare to “Blog Action Day - Das Verschwinden der Mittelschicht”

    1. Christian (30 comments) meint:

      Hallo Frankie! Komplimente, toller Post!

      Tatsächlich kann es nicht schaden, sich für die Zukunft zu wappnen. Eine Kriegskasse (Liquidität), aber auch eine stete Weiterbildung sind eine gute Voraussetzung, damit man sich über Wasser halten kann! :-)

      Vorausgesetzt, dass man keine Schicksalsschläge einstecken muss, glaube ich immer noch fest, dass jeder (jeder!) alle Ziele erreichen kann, die er anstrebt. Man muss nur wirklich wollen.

      Zu Deiner Rechnung am Anfang: diese ist eine Milchmädchenrechnung. Die Schere hat sich auch nach der 10%igen Erhöhung nicht weiter aufgetan. Setzen wir mal voraus, dass die Erhöung auf die effektive Geldentwertung zurückzuführen ist: der Arbeiter verdient vor der Erhöung 2% dessen, was der Reiche verdient… und nach der Erhöhung… ja, es sind immer noch 2%. Bei solch krassen Größenunterschieden wird man natürlich dazu verleitet, nur den Unterschied in absoluten Zahlen zu sehen (Mamma mia, 98.000 EUR mehr!!). Was Du bei diesem Beispiel auch nicht berücksichtigst: der Reiche wird vom Finanzamt ein wenig mehr geschröpft als der Arbeiter. ;-)

      Es ist nicht immer alles so, wie es auf den ersten Blick scheint! :-)

      Eine kleine Anmerkung zum Personalabbau bei der Provinz. Wenn man diese genauer anschaut, sieht man, dass effektiv kein Personalabbau vorgenommen wird, sondern statt dessen unbefristete, ordentliche Arbeitsverträge bei Neueinstellungen einfach mit Projektverträgen (cocopro) ausgetauscht werden, die dann in den Statistiken gut versteckt werden können.

      Wie auch immer, es werden turbulente Zeiten auf uns zukommen, und wir alle werden schauen müssen, dass wir dabei nicht aus dem Raster fallen!

      cu
      Christian

    2. Knoedel-Admin (83 comments) meint:

      @Christian: Natürlich verdient der Arbeiter immer noch 2% vom Reichen, aber gerade wenn du die Geldentwertung mit in Betracht ziehst erkennt man den Unterschied. Die Geldentwertung (Inflation) wird über einen Standard-Warenkorb errechnet. Dieser enthält Dinge des täglichen Lebens. Der Anteil des Lohns, welcher der Arbeiter für diesen Standard-Warenkorb ausgibt ist viel größer (oft ist er der Hauptanteil der Ausgaben) als der beim Reichen. Daraus ergibt sich, dass der Arbeiter durch die Inflation nach der Erhöhung im schlimmsten Fall nicht mehr Geld in der Tasche hat, während der Reiche die Inflation schon vor der Erhöhung wegstecken konnte.

      Bei der Schere geht es, wie du schön gesagt hast nicht um die absoluten Zahlen, sondern um die Möglichkeiten, welche man hat. Wenn einem trotz Erhöhung nicht mehr Geld im Beutel bleibt ist das keine lineare Entwicklung.

      Aber da kann man lang herumrechnen - wie ich auch gesagt habe, die Scheren-Metafer ist immer Angreifbar und ist zu schwach.

    3. Christian (30 comments) meint:

      Natürlich hast Du recht. Wenn man die Lebenserhaltungskosten als Maßstab hernimmt, dann gehen 2.000 EUR Mehreinnahmen des Arbeiters in Lebensmittel/Kleidung/Heizung etc. drauf. Die 100.000 des Reichen nicht.

      Der muss diese dann halt hernehmen, um seine Yacht vollzutanken! ;-)

      Ich glaube die Schere wird deswegen immer größer, weil der Reiche mit seiner Million viel mehr Spielraum hat, damit etwas zu machen. Er kann investieren, riskieren und was weiß ich was anstellen. Der Arbeiter muss schauen, dass er über die Runden kommt.

      Obwohl… wenn ich mir so anschaue was in den letzten Tagen so abgeht, dann wird sich die Million des einen oder anderen Reichen in Luft aufgelöst haben! ;-)

    4. Knoedel-Admin (83 comments) meint:

      Und diejenigen die vorgestern eingestiegen sind und 30% in einem Tag gemacht haben sind auch gleich wieder raus - heute ists ja wieder runter gegangen.

      Morgen zeigen wir wie man dieses Schlamassel für sich nutzen kann. :-)

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